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Faszien

Verschiedene Beobachtungen haben in jüngster Zeit die Aufmerksamkeit auf die Faszien gelenkt, ein Gewebe, das lange Zeit von der Wissenschaft vernachlässigt wurde. Erasmus Wilson bezeichnete die Faszien als „natürliche Bandagen“. Diese faserigen Bindegewebsschichten halten Muskeln und Organe an ihrem Platz. In der Anatomie wurden sie lange Zeit kaum beachtet. Inzwischen ist klar, dass Faszien ein aktives Gewebe sind, das eine Rolle bei der Gesunderhaltung spielt. Ein besseres Verständnis der Faszien könnte neue Ansätze für die Behandlung von Autoimmunkrankheiten und chronischen Schmerzen eröffnen. 

Young yogi woman

Faszien

Kunstbild © Janusz Jurek
  • sind das größte Organ in unserem Körper
  • sind ein Sinnesorgan, besitzen Rezeptoren und übertragen Signale

  • durchdringen den Körper wie ein Spinnennetz

  • halten uns im wahrsten Sinne zusammen

  • sind Schutzhüllen für Muskeln, Organe, Drüsen, Knochen und Nerven

  • gewährleisten unsere Stabilität und Beweglichkeit

  • sind verantwortlich für die körpereigene Wahrnehmung

  • bestehen aus Kollagen und Elastin und sind am Alterungsprozess beteiligt

  • sind oft die Ursache für unterschiedliche Schmerzzustände

Exploring Connective Tissue and the Extracellular Matrix: Protein Fibers, Collagen, and More

Das Interesse an Faszien ist vor allem seit den 2000er Jahren gewachsen, als Carla Stecco von der Universität Padua begann, dieses Gewebe zu erforschen. Ihr Vater, Luigi Stecco, entwickelte eine Therapieform, die Faszienmanipulation, die bei verschiedenen Beschwerden helfen soll.

 

Faszien bestehen aus Kollagenfasern, die je nach Lage und Funktion unterschiedlich dicht sind, was ihre Beweglichkeit und Festigkeit in allen Richtungen beeinflusst. Eine parallele Anordnung bietet eine hohe Zugfestigkeit. Faszien stellen eine durchgehende Gewebestruktur im Körper dar und sind in Schichten unterteilt, die fließend ineinander übergehen. Zwischen einzelnen Schichten befinden sich Gewebsflüssigkeiten, die das Gleiten und damit die Beweglichkeit unterstützen.

Ballerina Dancing with Silk Fabric, Modern Ballet Dancer in Fluttering Waving Cloth, Pointe Shoes, Gray Background
Word or phrase facia in a dictionary.
Close up of an anatomical 3D model of a foot showing the bones and ligaments.
Faszienadäsionen verursachen Falten, Narben, Steifigkeit,  Schmerzen, Vernarbungen, Entzündungen, Fetteinlagerung, Wassereinlagerung, Muskelüberdehnung, Muskelverspannungen, Bindegewebsschwäche, Veränderte Körperhaltung, Bewegungseinschränkungen

Faszien bilden ein komplexes Netzwerk, das den gesamten Körper durchzieht. Sie wirken als eine Art mechanischer Stoßdämpfer und dient als Gleit- und Verschiebeschicht sowie der Polsterung. Sie sind an der Immunabwehr und der Übertragung von Zellsignalen beteiligt und spielen eine Rolle bei entzündlichen Erkrankungen, Narbenbildung sowie Krebs. Zusammen mit Muskeln und Sehnen dienen sie auch der Kraft- und Bewegungsübertragung. Umgekehrt erhält das Gehirn über die Faszien Informationen über die Propriozeption. 

 

Man unterscheidet zwischen oberflächlichen Faszien, die direkt unter der Haut liegen und tiefen Faszien, die Muskeln, Sehnen und Bänder umhüllen. Nervenfasern und das Gehirn besitzen eigene Faszien, ebenso die Körperorgane im Brust-, Bauch- und Beckenbereich. Über das Fasziensystem können entfernte Probleme zu Schmerzen und Funktionsstörungen innerer Organe führen. Denn auch die inneren Organe spielen eine Rolle in der Schmerzkette. Sie sind Teil des Faszien-Netzwerks: Die Leber ist z. B. über das Zwerchfell mit dem Brustkorb verbunden und an der Brustwirbelsäule verankert. Verhärtungen oder Verdrehungen des umgebenden Gewebes können hier zu Problemen führen. Auch Schmerzen im Bereich von Magen, Blase oder Darm können ihre Ursache in verdrehten Faszien haben.

 

Faszien sind reich an Nervenfasern und Sensoren für Druck, Temperatur, Bewegung und Schmerz. Sie sind also ein großes Sinnesorgan. Chronische Entzündungen der Faszien erhöhen die Schmerzempfindlichkeit und können zu Beschwerden wie Rückenschmerzen und Fibromyalgie führen. Studien haben gezeigt, dass Entzündungen und Bewegungsmangel, aber auch Stress die Faszien versteifen lassen und zu Verklebungen führen können, die die Beweglichkeit einschränken, Schmerzen verursachen und damit indirekt die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden beeinträchtigen.​

Die Schmerzsignale der Faszien unterscheiden sich von denen anderer Körpergewebe. Experimente mit schmerzhaften Injektionen in Haut, Muskeln oder Faszien führten zu ausgedehnten, schwer lokalisierbaren Schmerzen, wie sie z.B. von Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen berichtet werden. Unspezifische Rückenschmerzen sind besonders häufig ein Grund für Krankschreibungen und Bewegungseinschränkungen.

Die thorakolumbale Faszie, eine mehrschichtige Struktur im unteren Rückenbereich, könnte ein Schlüssel zur Behandlung von Rückenschmerzen sein. Studien zeigen, dass diese Faszie bei Betroffenen deutlich steifer ist, als Folge von verklebten Gewebeschichten. Auch ein zu wenig an Bewegung führt durch Versteifung und Verklebung der Faszien zu einer Einschränkung der Beweglichkeit. Und letztlich kann neben Entzündungen und Verletzungen auch die anhaltende Aktivierung des sympathischen Nervensystems durch zu viel Stress die Faszien versteifen. 

 

Faszien sind ein dynamisches Gewebe, das auf hormonelle, chemische und mechanische Einflüsse von innen und außen reagiert. Diese dynamische Natur der Faszien bietet Heilungschancen: Durch Änderungen des Lebensstils können Probleme gelindert werden. Eine vielversprechende Maßnahme ist das Dehnen. Studien zeigen, dass tägliches Dehnen des unteren Rückens entzündete Bereiche verkleinert und lokal entzündungshemmende Substanzen freisetzt. Dies ist wichtig, da chronische Entzündungen mit vielen Krankheiten in Verbindung gebracht werden, von Herzerkrankungen bis hin zu Depressionen. 

Ein einfaches Faszientraining beginnt mit dem morgendlichen Dehnen und Strecken. Dehnen und viel Bewegung in allen Körperhaltungen, wie es unsere Kinder machen. Faszien, die nicht bewegt werden, neigen zum Verkleben mit allen oben genannten Folgen. Um therapeutische Effekte zu erzielen, braucht es aber mehr. Behandlungen können z. B. mit FSM oder Tiefenoszillation durchgeführt werden. Das Gewebe kann sich danach wieder mit Flüssigkeit füllen, was die Faszien entspannt und geschmeidig macht. Durch die engen Verbindungen u.a. zum autonomen Nervensystem verändern sich durch die Behandlung Puls, Muskelspannung, Atemfrequenz, Verdauung etc. Außerdem beeinflusst es das Immunsystem, die Psyche und die Stimmung.

Weitere interessante Informationen und Publikationen zu diesem Thema finden Sie unter Fascia Research Project.

Dr. Robert Schleip - https://www.fasciaresearch.de/.

Young yoga trainer practicing handstand with a lotus on a wooden pier on a sea or river shore.
Women exercising on the beach at sunset.
Rock Climber yoga master
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